Vinyl – Schrullen

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Vinyl ist wieder da! Das ist eine wunderbare Nachricht. Es war ja nie wirklich weg, aber neue Droge war viele Jahre lang nur von Independent Künstlern oder als Sonderauflage etablierter Künstler zu bekommen. Ich habe immer mal wieder Tauschbörsen, Secondhand-Läden im echten Leben oder über das Internet besucht und mich zur Abrundung meiner Sammlung eingedeckt. Einige Scheiben habe ich verkauft oder weggeschmissen, weil sie keinen emotionalen Wert für mich hatten. Das waren meist Momentausnahmen aus den späten Mid- bis Spät-Achtzigern und Neunzigern, volle Käseplatten, auf denen die ich nur den einen oder anderen Song gut fand. Jetzt fühle ich mich mit meiner Sammlung emotional wieder verbunden, alles ist gut. Nun folgt das nächste, schwerwiegende Problem: wie dokumentieren? Dafür gibt’s es viele Möglichkeiten, aber rundum zufriedenstellend sind sie alle nicht.

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Alphabetisch nach Interpreten – alle Musikrichtungen stehen durcheinander. Beatles unter B oder T? Willy de Ville unter W oder D?

Nach Labels – Wow! Das sind Hunderte in D und Tausende international. Für die großen Labels käme diese Version noch infrage, aber hintenraus wird’s arg unübersichtlich.

Genre alphabetisch – klassisch: Funk zu Funk, Blues zu Blues, Rock zu Rock. Hmh, wohin mit den frühen Metallica? Speed, Trash, ab dem schwarzen Album Metal oder Hardrock? Johnny Hallyday unter Rock oder doch Französisch?

Chronologisch nach Erscheinungsdatum – Na, ja…

Chronologisch nach dem Kaufdatum – Ah, geh…

Nach Städten – Kingston, Detroit, Stuttgart, London, Birmingham, Berlin. Auch irgendwie unübersichtlich. Philipp Krohn und Ole Läding sind den urbanen Einflüssen in ihrem Buch Sound of the Cities nachgegangen.

Nach Produzenten – Nix für mich. Ich liebe zwar Rick Rubin für seine Visionen, aber ich kaufe die Platten ja nicht weil er sie produziert hat, sondern wegen des Künstlers. Seine Handschrift ist in dem Fall nur das Sahnehäubchen.

Nach Farben – Ganz schräge Methode. Irgendwann kauft man dann nur noch Cover die zur Einrichtung passen.

Nach Geschlecht – Dafür sind wir bei der Gleichberechtigung schon zu weit fortgeschritten

 

Die wichtigen Alben

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Und die wirklich prägenden Alben? Die dürfen nicht einfach in der Masse verschwinden. Da stecken Geschichten dahinter. Zum Beispiel Jethro Tulls Aqualung. Ich war als 15-jähriger bei meinem Onkel in Frankfurt zu Besuch. Tagsüber hat mich sein Kumpel ins Architekturbüro mitgenommen und mich da ein bisschen zeichnen lassen. Am zweiten Tag brachte er Aqualung mit, neu gekauft. Der Typ auf dem Cover hatte eine sagenhafte Ähnlichkeit mit dem ihm, ich dachte erst, er wäre das. Kaum senkte sich die Nadel auf die Rille war es um mich geschehen. Aqualung musste her, die Platte habe ich wie einen Schatz nach Hause getragen, die Texte auswendig gerlernt und die Querflöte Note für Note nachgepfiffen.

Oder Roxy Musics erste Scheibe, die habe ich ein paar Tage lang sogar mit in die Schule genommen. Unerhört war die Musik, und unerhört das Styling der Jungs. Welche Offenbarung!

Oder Amon Düül II – Yeti und Tanz der Lemminge. Krautrock den außer mir keiner in der Schule mochte.

Oder Pink Floyds UmmaGumma mit dem Song Careful with that axe, Eugene. Und die Anlage auf dem Back Cover, sensationell für die damalige Zeit.

Genesis’ Foxtrott, zweite Seite Suppers ready – der Text ist immer noch sofort da wenn ich die Musik starte.

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Im Jahr 2000 hat der Informatiker Kevin Lewandowski aus Portland Discogs gegründet. Dort stehen derzeit rund 27 Millionen Tonträger zum Verkauf, davon sind über 20 Millionen Vinylscheiben. Wer sucht der findet dort, das sind die wirklichen Freaks der Szene. Wer bei Discogs einen Titel anlegen möchte muss exakte Daten liefern: Coverabblidung, Künstlernamen, Titel, Label, Katalognummern, Barcode oder das Veröffentlichungsdatum. 300.000 Discogs-User haben die Metadaten von sieben Millionen Veröffentlichungen von 4,5 Millionen Künstlern aus allen erdenklichen Genres zusammengetragen. Bei Discogs findet man fast alles.

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Entscheidung gefallen. Oder doch nicht?
Ich habe entschieden und sortiere nach Neueinkäufen und Musikstilen und darin alphabetisch. Aber auch das hat seine Tücken. Seit 1978, also fast 40 Jahre lang, steht Keith Jarretts Box Sun Bear Concerts als erste Scheibe bei Jott. Das Ding hat sich da mittlerweile wahrscheinlich festgefressen. Und der Steve Wilson Aqualung Remix? Neu gekauft mit aufwendigem Booklet, soll das in die Jethro Tull Sammlung oder sotiere ich die bei den neuen Scheiben ein? Oder die Kraftwerk Remixes mit neu gestalteten hochwertigen Covers? Zur Kraftwerk-Sammlung oder zu den Neuen? Schwierige Entscheidungen! Noch kann ich über meine Zwanghaftigkeit lachen, aber wer weiß, wohin sich das in den nächsten Monaten noch entwickelt.

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